Ein WAZ-Artikel von Susanne Schild, erschienen am 5.11.2019

Die Wittener Nachbarschaftshelfer besuchen Senioren, um Kleinigkeiten zu reparieren. Wichtiger als das Schrauben ist aber oft das Gespräch.

Seit zehn Jahren helfen sieben Herren mit Herz und Hammer. Die ehrenamtlichen Nachbarschaftshelfer kümmern sich bei anderen Senioren um handwerkliche Problemfälle in der Wohnung – Leuchtmittel auswechseln, den Heizkörper entlüften, ein Regal anbohren oder den tropfenden Wasserhahn abdichten. Sie hören auch zu, wenn die Seele schmerzt, und werden auch mal zum Mittagessen eingeladen. „Ich bin immer wieder erschrocken, wie einsam viele alte Leute sind“, sagt Nachbarschaftshelfer Peter Drexhage.

Obwohl jeder der Nachbarschaftshelfer schon tieftraurige Situationen erlebt hat, sind alle ihrem Ehrenamt treu geblieben. Seit zehn Jahren gibt es das Angebot, das die Freiwilligenagentur „Fokus“ der Caritas steuert. Die Nachbarschaftshelfer sind eine verlässliche Truppe. Zwar arbeitet jeder der rüstigen Rentner allein. Sie treffen sich aber beim „Handwerker-Frühstück“, zu dem Heike Völpert und Kathrin Brommer von „Fokus“ regelmäßig einladen. „Es gibt Kaffee und Mettbrötchen mit Zwiebeln. Danach muss ich immer durchlüften“, sagt Kathrin Brommer lachend.

Etwa 100 Anfragen nimmt sie pro Jahr entgegen. Oft sind das ältere Frauen, deren Mann verstorben ist und die nicht wissen, wie man eine Glühbirne wechselt. Kathrin Brommer wägt ab, ob das jeweilige Problem ein Fall für die Nachbarschaftshelfer ist oder ob berufliche Handwerker ran müssten. Denn denen will man nicht die Arbeit wegnehmen. Und sie guckt, wer von ihren Rentnern diesen Einsatz übernehmen sollte.

Elektrik etwa ist ein Fall für Friedhelm Lülsdorf. Hermann Karschnia, mit 61 Jahren frisch pensionierter Feuerwehrmann, klettert angstfrei auf hohe Leitern. „Wir sind alle Häuslebauer“, beschreibt Bernd Brakemeier (72), der seit zehn Jahren dabei ist, ihre Gemeinsamkeit. Eine Werkzeugkiste hat deswegen jeder in seinem Kofferraum.

„Für Handwerker hätte ich gar nicht das Geld“

„Unsere liebste Baustelle ist die Alten-WG in Bommern“, sagt Horst Ilsen, 74 Jahre jung und gelernter Walzendreher. Die Nachbarschaftshelfer müssen zur Mittagszeit kommen, damit man auch zusammen essen könne, finden die Bewohnerinnen. „Die sind richtig traurig, wenn wir gehen.“

Gudrun Schlue ist gehbehindert und hätte gern ihre schiefen Schranktüren gerichtet. Bei ihr schellen Peter Drexhage und Horst Ilsen gemeinsam an. Die Türen in Eiche rustikal haben sie schnell justiert. Aber die Fußleiste steht doch auch hoch! Durch die Wohnungstür zieht es und die Klinke ist locker. „Ich hätte da noch ein Attentat“, sagt Gudrun Schlue, knuddelt ihren Hund Leo und guckt dankbar. „Mein Sohn ist verstorben, ich lebe alleine. Manchmal kann mir eine Freundin helfen und wenn ich einen guten Tag habe, kriege ich manches allein geregelt“, sagt sie. „Für Handwerker hätte ich gar nicht das Geld.“ Peter Drexhage verspricht, ein paar Tage später wiederzukommen. Im Kopf notiert er schon die Einkäufe, die er vorab im Baumarkt tätigen muss. Das Material müssen die Kunden bezahlen.

Villenbesitzerin: Bitte den Garten ausschachten

In zehn Jahren haben die Nachbarschaftshelfer allerhand erlebt. Etwa Aufträge, die nicht ganz koscher sind. Da entpuppt sich eine hilflose ältere Dame am Telefon als Villenbesitzerin, die ihren Garten gern ausgeschachtet hätte. Als er bei einer Frau die maroden Küchenarmaturen reparieren sollte, empfahl Peter Drexhage, lieber dem Vermieter Bescheid zu sagen. „Nee, nee, der Vermieter bin ja ich“, entgegnete die Wittenerin dreist. Hermann Karschnia erlebte Kurioses beim Glühbirnenwechsel: Vier Meter hoch war die Decke bei einem Herren, der jünger und fitter schien als er selbst. Letztlich musste der sich eine eigene Leiter kaufen…

Hier gibt es Hilfe

Die Ein­sät­ze der Nach­bar­schafts­hel­fer ko­or­di­niert Kath­rin Brom­mer von der Frei­wil­li­genagen­tur Fokus, 421131. Die hand­werk­lich ge­schick­ten Se­nio­ren hel­fen kos­ten­frei an­de­ren Se­nio­ren oder Men­schen mit Han­di­cap. Neue Eh­ren­amt­ler wer­den noch ge­sucht!

Sie stel­len auch den Weih­nachts­baum auf, er­set­zen aber keine pro­fes­sio­nel­len Hand­wer­ker, über­neh­men keine gärt­ne­ri­schen Ar­bei­ten, Um­zü­ge, Ent­rüm­pe­lun­gen oder Re­no­vie­run­gen.

Maschinentechniker Peter Drexhage ging 2015 in Pension und fing bei den Nachbarschaftshelfern an. „Bei mir ist’s im Leben immer gut gegangen“, sagt er, „darum wollte ich auch anderen helfen“. Bei einigen Einsätzen sei er schwer ins Grübeln gekommen. Etwa im Fall einer hilflosen Dame, die seit zwei Jahren ihre Wohnung nicht mehr verlassen habe. „Oft merkt man, dass die Ansprache fehlt. Da ist niemand, der sich kümmert.“ Einer über 90-Jährigen hat der pensionierte Altenpfleger Friedhelm Lülsdorf kürzlich erst ein Rezept und die Tabletten gegen den Bluthochdruck besorgt und anschließend eine Birne ausgewechselt.

Immerhin haben die Nachbarschaftshelfer jetzt Verstärkung von Gabriele Ruppenthal erhalten. Die kann zwar nichts schrauben oder kleben, aber gut zuhören – und ein kleines bisschen die Seele reparieren.