Balkonien war gestern – jetzt wird Ruhrlaub gemacht. Urlaub an der Ruhr für Senioren.

Ein WAZ-Bericht von Jonas Halbe, 19.09.2019

30 Senioren sitzen über vier Tische verteilt in einem Raum und lauschen gespannt einem Märchen der Brüder Grimm. Zwischendurch singen alle gemeinsam. Das ist ja fast wie im Urlaub! Einen solchen erleben die Senioren auch gerade – die Caritas Witten hat zu einer Dreitagesreise vor der Haustür eingeladen. Ein Angebot für Senioren, die alleine zu Hause leben und sonst nicht mehr verreisen können. Geboten wird ein abwechslungsreiches Programm mit Vollpension. Nur geschlafen wird im eigenen Bett.

Morgens und abends werden die Senioren mit großen Pkw zuhause abgeholt. Unter den 30 Teilnehmern befinden sich nur drei Männer. Was daran liegt, dass „es sich bei den Herrschaften um die Kriegsgeneration handelt“, erklärt Elisabeth Both. Die Pflegedienstleiterin Ambulante Dienste bei der Caritas hat die Veranstaltung organisiert. Der erste Tag ist ein Kennlerntag, weil die Rentner sich vorher noch nie gesehen haben. Das Miteinander scheint auch gut zu klappen. „Wir haben hier ein tolles Gemeinschaftsgefühl entwickelt“, sagt Renate Balke (80). Highlight des Tages ist der Falkner Andreas Waning oder besser gesagt: seine Vögel, die er mitbringt. Er hat einen Falken und einen Uhu, den man sogar streicheln darf, dabei.

In den Räumen der Pfarrgemeinschaft St. Joseph in Annen, die der Caritas zur Verfügung gestellt werden, beginnt der zweite Tag mit regem Austausch. Nach der Märchenstunde trifft Jung auf Alt – eine Kindergruppe der Diakonie Witten führt ein Theaterstück auf. Viele der Senioren leben alleine zu Hause und können nicht mehr verreisen. Deshalb ist der soziale Austausch auch so wichtig, wie Elisabeth Schneider (82) bestätigt: „Ich sitze meistens nur in meiner Wohnung rum. Die Zuwendung, die einem hier gegeben wird, ist toll.“

Am letzten Tag gibt es eine Stadtrundfahrt. In einem Oldtimer-Linienbus fahren die Senioren durch Witten. Bei der Fahrt wird unter anderem das Muttental angesteuert. Passend dazu hält Annita Marr einen Vortrag zu dem Thema „Der Bergbau im Ruhrgebiet“. Allerdings nur bis zur Kaffeetrinkenzeit. Elisabeth Both: „Da die Senioren nach drei Tagen ganz schön erschöpft sind, machen wir am dritten Tag etwas früher Schluss.“

Ergänzungen von Hartmut Claes:

Patienten der Wittener Caritas und andere Senioren genossen einen Kurzurlaub für Daheimgebliebene in Annen. Dort fanden sich alleinlebende Menschen im Gemeindezentrum St. Joseph zu Gesang, Musik, Gesprächen und in Gesellschaft zusammen.
Nach einem sehenswerten Lichtbildervortrag über Land und Leute in den rumänischen Karpaten, wurde gesungen und geschunkelt. Danach lauschten die Gäste sonorigen Saxophon-Klängen und erfreuten sich dabei an der gewaltigen Akustik der neugotischen St. Joseph-Kirche (1880). Emotionaler Höhepunkt war aber der Besuch eines Falkners, der gleich mehrere zutrauliche Greifvögel mitbrachte und sie den Gästen vorstellte. Der dreitägige Ruhrlaub endete bei bestem Wetter mit einer Stadtrundfahrt durch Witten.