AKTUELLES

Besser Leben im Marienviertel

Quelle WAZ Witten vom 27.09.2022, Autorin Annette Kreikenbohm

Die Menschen im Marienviertel stehen im Mittelpunkt eines Kooperationsprojektes zwischen der Hochschule für Gesundheit Bochum und der Caritas Witten. Dabei geht es nicht um bloße Forschung und wissenschaftliche Ergebnisse, sondern um ganz praktische Verbesserungen für mehr Wohlgefühl im Quartier. Das Besondere: Jene, die dort leben, können auf Augenhöhe mitwirken und erklären, woran es aktuell hapert.

Christel Böckmann etwa fühlt sich manchmal etwas einsam, seit ihr Mann verstorben ist: „Alleine spazieren gehen oder essen, das macht keinen Spaß“, sagt die 70-Jährige. Auch mehr Grün und weniger Stolperfallen auf den Bürgersteigen würde sie sich wünschen. Das hat sie auch schon in einem Interview kundgetan, das eine so genannte „Stadtteilforscherin“ mit ihr geführt hat. Es war eines von bislang insgesamt 27, von denen es noch weitere geben wird. Die ersten Ergebnisse haben die Beteiligten am Montagvormittag im Ardey-Hotel beraten und analysiert.

Etwa 8000 Menschen leben im Wittener Marienviertel

Mit dabei sind auch Rim Alabdallah und Rolf Kappel. Sie ist Stadtteilmutter im Marien-Viertel, er Gemeinwesenarbeiter. Beide sind für die Caritas im Einsatz und haben das Projekt nach Witten geholt. Die Hochschule für Gesundheit hat es in einem ähnlich strukturierten Bochumer Stadtteil bereits umgesetzt.

Etwa 8000 Menschen leben laut Kappel im Marienviertel zwischen Rathaus, Sonnenschein und Pferdebachstraße, das längst nicht mehr das „alte katholische Witten von früher“ repräsentiere. Im Gegenteil. Eine Statistik zeige: Hier gibt es die meisten alten Menschen, Alleinerziehenden und Studenten der Stadt. Auch viele Migranten leben im Viertel. Die Armut sei hoch. Kappel leistete Überzeugungsarbeit bei Prof. Dr. Christiane Falge, der wissenschaftlichen Leiterin des Projekts. Im Frühjahr haben sie losgelegt.

Wittener und Wittenerinnen interviewen Menschen aus dem Quartier

Weil Falge nicht über, sondern mit den Menschen forscht, wurden ganz normale Leute geschult, um in ihrer eigenen Lebenswelt die notwendigen Daten zu erheben. Gudrun Schlue (65), eigentlich Ehrenamtliche bei der Caritas, ist eine von zwölf Stadtteilforscherinnen. Sie wohnt seit über vier Jahren im Marienviertel, „weil hier die Mieten bezahlbar sind“ – die Häuser aber auch dementsprechend alt und renovierungsbedürftig.

Gudrun Schlue war also eine von denen, die Interviews mit anderen Bewohnern und Bewohnerinnen zwischen 18 und über 80 geführt haben, um herauszufinden: Was fehlt den Menschen im Viertel? „Letztlich machen alle Missstände krank“, sagt Schlue.

Die Kritik: Zu viel Bürokratie, schlechte Busverbindungen

Ganz oben auf der Liste: zu viel Bürokratie, etwa beim Ausfüllen von Anträgen. Zu wenige Möglichkeiten, sich in der Freizeit zu treffen. Schlechte Einkaufsmöglichkeiten und Busverbindungen. Und von migrantischer Seite, denn Interviews wurden auch auf Türkisch, Arabisch oder Englisch geführt: fehlende Vielfalt und Mehrsprachigkeit. „Rassismus ist ein großes Problem“, sagt Wissenschaftlerin Falge. „Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass die Stadt da was tun muss.“

Über die Stadtteilforscherinnen sei man an benachteiligte Menschen herangekommen, die sich sonst nie an solchen, etwa einstündigen Umfragen beteiligen würden, so Christiane Falge „Denen einen Fragebogen in den Briefkasten zu werfen, macht keinen Sinn.“ So aber hätte ihr Team schon „tiefgehende Einblicke gewonnen und unschätzbares Wissen angehäuft“.

Mit konkreten Angeboten ist bald zu rechnen

Bis sich tatsächlich erste Änderungen im Viertel bemerkbar machen, soll es auch gar nicht lange dauern. Falge rechnet damit, schon in drei bis fünf Monaten etwas Konkretes anbieten zu können. Von Bewohnern für Bewohnern. Denn auch das hat die Befragung ergeben: 40 Prozent der Menschen mache es glücklich, anderen zu helfen. Und so gebe es jetzt schon Listen, in die sich eingetragen hat, wer etwa ältere Menschen von der Bushaltestelle abholen würde.

Aufsuchende Angebote seien im Marienviertel ganz wichtig, so die Professorin weiter. Das bedeutet: Jemand klingelt an der Tür, fragt nach Problemen und kann im Idealfall bei der Lösung helfen. „Viele wissen beispielsweise nicht, wie und wo sie einen Pflegegrad beantragen müssen.“

Auch wenn offenbar viel zu tun ist – gibt es eigentlich auch jetzt schon Positives im Marienviertel? Stadtteilforscherin Gudrun Schlue überlegt. „Ich weiß nicht“, sagt sie, „aber trotz allem fühlen sich hier viele wohl“.

Veranstaltung: Erben und Vererben

Veranstaltung zum Thema: Erben und Vererben

Mit professioneller Hilfe Fehler vermeiden

Referent Rechtsanwalt Gras zum Thema Erben und Vererben

Kaum ein Thema sorgt in Familien für so heftigen Streit wie das Erben und Vererben. Selbst nahe Verwandte werden zu Gegnern, wenn sich eine der Parteien benachteiligt fühlt. Konflikte können leicht vermieden werden, wenn rechtzeitig die Verhältnisse klar geregelt werden.
Der Wunsch, richtig zu vererben und Streit zu vermeiden, ist für viele ein Grund, schon zu Lebzeiten die Vermögensübertragung zu klären. Die Möglichkeiten sind vielfältig. Wer nicht möchte, dass die gesetzliche Erbfolge eintritt, sollte mit einem Testament seine persönlichen Wünsche regeln. Doch wie macht man es richtig? Oftmals gibt es gute Gründe, Teile seines Vermögens schon vor dem Tod zu übertragen. Wer sich auskennt, kann die rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen und seine Erben begünstigen.

Inhalte

► Gesetzliche Erbfolge, Erbvertrag, Testament
► Der letzte Wille: Form, Inhalt, Wirkung
► Das Pflichtteilsrecht bedenken
► Bei der eigenen Erbschaft den Nachlass prüfen, verwalten und teilen
► Schenken statt vererben: wie oft, wie viel, an wen?

Termin

Dienstag, 20.09.2022, 18:00 Uhr
Ardey-Hotel, Ardeystraße 11, 58452 Witten


Der Caritas-Betreuungsverein hat mit dem Wittener Rechtsanwalt Gerhard Gras einen Fachmann für das Erbrecht gewonnen. Er wird am Dienstag, 20.09.2022 um 18 Uhr im Ardey-Hotel, Ardeystraße 11, referieren und Fragen beantworten. Die Veranstaltung ist kostenlos. Wir bitten um Anmeldung unter 02302/91090-11

Bewerbungssommercamp beendet

Mit dem Ende der Sommerferien endete auch das erste Bewerbungs-Sommercamp, das die Caritas Witten in Kooperation mit dem Verein „migration_miteinander“ erstmalig durchgeführt hat.

Zehn Teilnehmende aus Syrien, dem Irak, dem Iran, Somalia und Russland haben die Chance genutzt, sich mit den Grundlagen einer guten Bewerbung intensiv auseinanderzusetzen.

In vier Workshops ging es unter anderem um Tipps zur Stellensuche, das Erstellen von Bewerbungsunterlagen, arbeitsrechtliche Grundlagen sowie zum Abschluss um das erfolgreiche Führen von Bewerbungsgesprächen.

„Das Üben hat mir sehr geholfen. Jetzt weiß ich, auf welche Fragen ich mich einstellen sollte und wie ich beim nächsten Bewerbungsgespräch meine Stärken noch besser zeigen kann“, zieht Maisoun aus Syrien eine positive Bilanz.

Auch die Dozentinnen Miriam Venn (Caritas-Fachdienstleiterin für den Bereich Integration und Migration) und Helena Ceska (Projektkoordinatorin bei „migration miteinander“) sind sich einig: „Das Bewerbungs-Sommercamp hat den Teilnehmenden richtig viel gebracht. Fast alle haben jetzt eine konkrete Idee, wie und wo sie sich bewerben wollen. Das Bewerbungs-Sommercamp werden wir im kommenden Jahr auf jeden Fall wieder anbieten.“

Aber bis dahin soll die Zeit sinnvoll genutzt werden. Als nächstes sind Workshops rund um den Umgang mit dem PC geplant – ein Wunsch, den die Teilnehmenden des Bewerbungs-Sommercamps selbst geäußert haben.

Das Camp fand als Angebot des Projekts „Zukunft Plus“ statt. Es wird im Rahmen der ESF-Integrationsrichtlinie Bund im Handlungsschwerpunkt „Integration von Asylbewerbern/-innen und Flüchtlingen (IvAF)“ durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und den Europäischen Sozialfonds gefördert.

Kochen schafft Kontakte

WAZ Witten 30.07.2022, Autorin: Elaine Cappus

Jeden zweiten Donnerstag bieten Caritas und Wohnungsgenossenschaft Witten-Mitte ein kostenloses Mittagessen an. Was diesmal im auf den Tisch kam. Im Café Credo ist zur Mittagszeit einiges los. Denn zweimal im Monat gibt es kostenloses Mittagessen für die Anwohnerinnen und Anwohner des Marienviertels. Wer möchte, kann eine kleine Spende für das Hospiz und den Kinderschutzbund da lassen. So auch an diesem Donnerstag.

Ehrenamtliche aus Witten bereitet leckeren Möhreneintopf zu.

Die Tür von Café Credo an der Hauptstraße steht sperrangelweit offen. Es duftet schon vorne am Eingang. Waltraut Meyer hat Möhreneintopf gemacht. Jeden letzten Donnerstag im Monat kocht die ehrenamtliche Mitarbeiterin der Caritas Hausmannskost für das Marienviertel. Im Schnitt kommen meist um die 50 Leute.„Mich hält die Arbeit frisch, ich brauche das“, sagt die 79-Jährige, die bis zu ihrer Rente als Leiterin in der Cafeteria des Marien-Hospitals tätig war. Das Kochen für viele Menschen hat sie also über Jahre verinnerlicht. Seit dem Frühjahr 2021 gibt es den Mittagstisch „Gemeinsam schmeckt es besser“ im Café Credo, jeden zweiten und letzten Donnerstag im Monat.„Die Idee war, die Verbindung zum Marienviertel zu suchen. Denn gerade durch Corona ist viel weggebrochen“, sagt Waltraut Meyer. Zum Nachtisch hat sie Grießschnitten mit Himbeersoße gezaubert. Mit einem Löffel hebt sie den festen Pudding aus der Auflaufform und füllt ihn in kleine Glasschalen. Frische Beeren und rote Soße drüber, fertig!Brigitte und Karl-Georg Kogelheide haben gerade aufgegessen. „Uns hat es wieder mal sehr gut geschmeckt“, lobt Brigitte den Mittagstisch. Mit ihrem Mann ist die 71-Jährige bereits das dritte Mal im Café Credo zu Gast. „Ich finde das prima, mal nicht zuhause kochen zu müssen und dafür etwas Gutes zu tun“, sagt die Wittenerin. Das grell-pinke Sparschwein, das gut sichtbar auf einem der Tische steht, muss also auch nicht hungern.

Gäste füttern auch das Sparschwein in Café Credo in Witten

Fast alle Gäste füttern das Tier mit Münzen und Scheinen. Sozialarbeiter Rolf Kappel von der Caritas geht eine Runde durch das Café und dann über den Innenhof, wo unter freiem Himmel gegessen werden kann. „Wir betrachten dieses gemeinnützige Projekt als eine Drehscheibe“, sagt der 68-Jährige. Zum einen helfen die Spenden wichtigen Einrichtungen wie dem Wittener Hospiz und dem Kinderschutzbund, die seit Jahren finanzielle Probleme haben. „Zum anderen können ältere Menschen hier Kontakte knüpfen, oder auch um Hilfe bitten, falls sie diese benötigen“, erklärt der Sozialarbeiter.Das Marienviertel ist das Quartier mit den meisten Senioren und Arbeitslosen. Es hat einen Migrationsanteil von fast 40 Prozent. „Wir versuchen, die unterschiedlichen Leute zusammenzubringen“, sagt Kappel. Dann geht er zu dem Tisch, der im Schatten eines Baumes steht, und begrüßt die Gruppe, die dort sitzt. Gabrielle Ruppenthal, Hermann Karschnia, Veronika Hanke und ihr Mann Konrad löffeln ihren Eintopf, dazu gibt es Bratwürstchen. Man kennt sich untereinander.Hermann und Konrad fachsimpeln über die Frauenfußball-EM. „War das nicht spitze gestern?“ Zustimmendes Nicken. Gabrielle ist mehr mit den gestampften Möhren und Kartoffeln beschäftigt. „Da ist Herz in der Küche, das ist mit Liebe gekocht“, sagt die Wittenerin lächelnd.Wieder drinnen haben Elfriede, Nada und Inga gerade aufgegessen. „Ich habe beim letzten Mittagstisch das erste Mal Bulgur probiert – eine Art Reis“, erzählt Elfriede. Das habe ihr wirklich gut geschmeckt, so die 86-Jährige. Die drei Damen unterhalten sich noch ein wenig, bevor sie schließlich aufbrechen. Man sieht sich, spätestens beim nächsten Mittagstisch: 11. August, 11.30 bis 13.30 Uhr, Café Credo.

Caritas begrüßt Ministerpläne

Das Bürgergeld soll Hartz IV ersetzen. Die Caritas in Witten hält das für eine gute Idee. Doch sie sieht viele Fragezeichen bei der Umsetzung.

Der Wittener Caritas-Vorstand Hartmut Claes begrüßt die von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil vorgestellten Vorschläge zum Bürgergeld, das künftig Hartz IV ersetzen soll. „Diese zeugen von mehr Respekt gegenüber Menschen in einer Lebenskrise. Es gilt zu verhindern, dass arbeitslose Menschen den Anschluss verlieren – das ist gut.“

Dringend zu klären sei jetzt, wie die Sozialleistungen in Zukunft ermittelt werden, damit sie mit den Lebenskosten Schritt halten. „Gerade in Zeiten galoppierender Inflation ist das eine Existenzfrage“, so Claes weiter. Die Caritas fordere seit Jahren eine Neuberechnung, die sich an der Lebensrealität orientiert. Ungenügend seien beispielsweise die Kalkulationen für Strom und die Regelungen für „weiße Ware”, also elektronische Küchengeräte.

Wittener Caritas-Chef: Auf die Höhe des Bürgergeldes kommt es an

Das größte Fragezeichen bestehe jedoch bei der Höhe des Bürgergeldes – und zwar nicht nur in diesem Jahr. Wie viel Güter und Dienstleistungen vor sechs Monaten oder einem Jahr gekostet haben, dürfe nicht der Maßstab für die weite Zukunft sein. „Wenn Preise rapide steigen, müssen die Sozialleistungen das im selben Tempo tun“, so der Wittener Caritas-Chef.

Die Pläne zur Verstetigung des sozialen Arbeitsmarkts seien gut, denn dies ermögliche vielen Menschen eine soziale Teilhabe. Langfristig geförderte Beschäftigungsverhältnisse würden den Betroffenen die oft ersehnte Sicherheit geben. Claes: „Die Abschaffung der Zwangsverrentung ist ein Riesenschritt. Mit ihr verbindet sich das Signal, dass ältere Menschen am Arbeitsmarkt gebraucht werden und nicht gezwungen sind, mit Abschlägen vorzeitig in Altersrente zu gehen.“

WAZ Witten, 23.07.2022

Forschungsprojekt zum Leben im Marienviertel

Was muss sich in Wittens Marienviertel ändern? Das wollen nun Menschen herausfinden, die selbst dort leben. Die Idee dazu kommt von der Caritas.

Wie lebt es sich im sozial benachteiligten Wittener Marienviertel? Und was sollte sich dort ändern? Solchen Fragen will ein neues Projekt der Caritas auf den Grund gehen. Das besondere daran: Menschen, die selbst rund um den Marienplatz wohnen, werden dafür zu Stadtteilforschern und erkunden die Lebensverhältnisse und Bedürfnisse der anderen Menschen im Viertel, in dem sich einige Probleme bündeln.

„Wir haben zum Beispiel einen Migrationsanteil von über 39 Prozent“, sagt Sozialarbeiter Rolf Kappel. „Wir haben aber auch die meisten Senioren, Arbeitslosen oder Alleinerziehenden“, umreißt der 68-Jährige die Situation. Für die Caritaskümmert sich Kappel im Marienviertel um die Gemeinwesenarbeit. Damit sind Projekte und Aktionen gemeint, die den Zusammenhalt im Quartier stärken. Bislang bietet der Wohlfahrtsverband etwa eine Sozialberatung und Mittagstische an. Es gibt auch eine sogenannte Stadtteilmutter, eine Frau aus Syrien, die zwischen Alteingesessenen und neu Zugezogenen – vor allem arabischsprachigen Familien – im Viertel Brücken bauen soll.

Caritas will mit Stadtteilforschern ganz nah ran an die Menschen und ihre Bedürfnisse

Nun aber will man noch „näher ran an die Menschen“, sagt Kappel. Und das geht so: Neun Frauen und ein Mann aus dem Viertel werden in den kommenden Monaten „Interviews auf Augenhöhe“ mit anderen Bewohnern des Quartiers führen. So will man die Interessen und vor allem die Ressourcen der verschiedenen Communities – also der unterschiedlichen Gruppen – herausfinden. Später sollen die Erkenntnisse dann in spezifische Aktionen einfließen, an denen die Menschen aus dem Viertel aktiv beteiligt werden sollen.

Um möglichst authentische Antworten zu erhalten, werden die Interviews zum Teil auch in der Muttersprache der Befragten geführt, etwa auf Russisch, Arabisch, Persisch oder Englisch. Mit von der Partie sind etwa mehrere Seniorinnen, Frauen mit syrischer und russischer Herkunft oder eine alleinerziehende Mutter. Durch ihre ohnehin vorhandenen Kontakte, etwa zu Menschen aus dem eigenen Heimatland, haben die Stadtteilforscherinnen einen direkten und besseren Draht zu den Interviewten, als es sonst der Fall wäre. Unterstützt werden die Laien-Forscher von Studierenden und Dozenten der Hochschule für Gesundheit in Bochum.

Das Projekt läuft über insgesamt zwei Jahre. Gerade sind die ersten Interviews geführt worden. Und eine erste Rückmeldung gibt es auch schon: „Die Menschen sind froh und haben das Gefühl, endlich wahrgenommen zu werden“, so Kappel. Bislang wisse man beispielsweise, dass 26 Prozent der Eltern im Quartier alleinerziehend sind. „Aber was das für die Betroffenen bedeutet, erfahren wir erst jetzt.“

Quelle: WAZ Witten 1.6.22, Text: Stephanie Heske, Foto: Jürgen Theobald

Hinweis: Das Projekt wird finanziert durch den Armutsfond des Caritasverbandes im Erzbistum Paderborn e.V.

Nachbarschaftshelfer stark gefragt

WAZ Witten, 13.04.22: Hier klemmt die Tür, dort tropft der Wasserhahn, woanders ist der Abfluss verstopft: Treten solche Problemfälle in Wohnungen älterer Menschen auf, sind die Nachbarschaftshelfer der Caritas zur Stelle. Mit Beginn der Pandemie gingen die Einsatzzahlen stark zurück. Doch jetzt zieht die Nachfrage wieder an.

Motto des Projekts in Witten lautet „Senioren helfen Senioren“

Die Nachbarschaftshilfe ist ein Projekt, das vor gut zwölf Jahren unter dem Motto „Senioren helfen Senioren“ durchstartete. „Ein Team von Freiwilligen, die meisten im Rentenalter, kümmert sich um kleinere oder auch mal größere Reparaturen im Haushalt“, sagt Heike Völpert. Sie gehört zur Ehrenamtsagentur „Fokus“ der Caritas, die die Einsätze steuert.

Auch wenn das Angebot trotz Corona weiterbestand, sank die Nachfrage mit Beginn der Pandemie rapide, sagt Völpert. Der Rückgang sei auch verständlich. Denn „gerade die ältere Generation hatte ihre Kontakte stark eingeschränkt.“ Inzwischen melden sich die Senioren aber wieder verstärkt. Ein, zwei oder auch mal drei Aufträge pro Tag: Das entspricht in etwa den Zahlen vor der Pandemie.

Pensionierter Feuerwehrmann sucht neue Aufgabe

Zum Helferkreis gehört Hermann Karschnia. Er hat gerade mal wieder in der Wohnung einer Rentnerin eine Lampe zum Leuchten verholfen. Es genügte, eine neue Birne einzusetzen. Dass er gerne auch für solche kleinen Anfragen gerufen wird, geschehe recht häufig. „Oftmals sind es ältere Frauen, die es vielleicht könnten, aber unsicher sind und sich nicht trauen“, sagt der 63-Jährige. Da der pensionierte Feuerwehrmann handwerkliches Geschick mitbringt, knöpft er sich auf Wunsch gern auch mal ein Regal vor, um es aufzuhängen. Und wenn ein neues Bild an die Wand soll, greift er zu Hammer und Nagel.

Als Hermann Karschnia vor gut vier Jahren in Pension ging, suchte er eine Tätigkeit, die ihm Freude bereitet und mit der er anderen eine Freude machen kann. Meist wird der Wittener gleich schon an der Tür gefragt, ob er einen Kaffee oder lieber Wasser haben möchte. Ein kleines Schwätzchen gehört stets dazu.

Schon Brot oder Brötchen besorgt

Das erlebt auch Friedhelm Lülsdorf immer wieder aufs Neue. „Manchmal bieten uns die Leute auch ein Butterbrot an oder haben Brötchen geholt“, sagt er. So etwas schaffe eine sehr angenehme Atmosphäre. Geld wollen die Helfer für ihren Einsatz nicht haben. Sollte ihnen dann doch der eine oder andere Euro zugesteckt werden, kommt das in die Gemeinschaftskasse.

Von den Einnahmen wird beispielsweise ein Frühstück bezahlt, zu dem sich die Freiwilligen verabreden. Vor der Pandemie gab’s die Treffen monatlich, seit Corona herrscht Pause. Doch ein Neustart steht in Aussicht. Der Austausch untereinander bedeutet den Helfern viel. In lockerer Runde können sie über gewonnene Erfahrungen sprechen und und sich als Heimwerker gegenseitig Tipps geben.

Senior bescheinigt den Helfern fachmännische Arbeit

Klaus Jeromin gehört zu den Senioren, die sich jetzt wieder bei der Freiwilligenagentur „Fokus“ gemeldet haben. In seiner Wohnung haben die Helfer eine Tür neu eingehängt und einen Bettrahmen höher gelegt. Alleine hätte er das nicht geschafft, sagt der 86-Jährige. Den Nachbarschaftshelfern bescheinigt der Wittener fachmännische Arbeit. „Ich bin mehr als zufrieden.“

Kürzlich hatte Friedhelm Lülsdorf einen Klassiker auf seinem Auftragszettel, sollte er doch in der Wohnung einer Rentnerin Gardinen aufhängen. „Manche Leute steigen nur ungern auf eine Leiter“, so der 73-Jährige. Die Vorsicht findet er richtig, denn bekanntlich passieren die meisten Unfalle im eigenen Haus.

Wachsende Zahl an Anfragen zu digitaler Haustechnik

Den Wandel der Haustechnik bekommt auch das Freiwilligenteam zu spüren. Gerade erst stand wieder einmal ein Termin an, um die Zeitschaltuhr einer elektronisch gesteuerten Rollade auf Sommerzeit umzustellen. Beim digitalen TV-Gerät samt Fernbedienung sind manche Senioren auch schon mal überfordert. „Wir nehmen uns Zeit und programmieren beispielsweise die Sendeplätze neu“, sagt Lülsdorf.

Wenn die Anfragen bei der Caritas eingehen, überlegen die Helfer, wer welche Aufgabe übernimmt. Im Prinzip können alle alles. Hier und da gibt es natürlich gewisse Neigungen oder Vorlieben. In allen Fällen gilt aber die Devise, so Hermann Karschnia: „Wir sind keine Konkurrenz zum Handwerk und wollen es auch nicht sein.“

Kon­takt zu dem Frei­wil­li­gen­team

Die Eh­ren­amts­agen­tur Fokus ist unter 02302/421131 zu er­rei­chen, Mail­adres­se: fokus@​caritas-​witten.​de

Fol­gen­de Auf­ga­ben lis­tet die Ca­ri­tas als Trä­ger auf, die die Hel­fer über­neh­men kön­nen: un­dich­te Was­ser­häh­ne ab­dich­ten, klei­ne­re Ver­stop­fun­gen im Ab­fluss be­sei­ti­gen, Heiz­kör­per ent­lüf­ten, Leucht­mit­tel aus­wech­seln, Lam­pen an­brin­gen, Re­ga­le auf­hän­gen, Gar­di­nen­stan­gen an­brin­gen, lose Tisch- oder Stuhl­bei­ne lei­men, den Weih­nachts­baum auf­stel­len.

Diese Ar­bei­ten ge­hö­ren nicht zum An­ge­bot: gärt­ne­ri­schen Tä­tig­kei­ten, Fahr­diens­te, Ma­ler- und Ta­pe­zier­ar­bei­ten, Haus­wirt­schaft, Um­zü­ge, Ent­rüm­pe­lun­gen.

Quelle: WAZ Witten 13.04.2022, Autor: Theodor Körner

Brieffreundschaften gegen Einsamkeit

Die Klassensprecherinnen der 3.und 4.Klassen übergeben gemeinsam mit Marion Tigges-Haar, der Schulleiterin der Hellwegschule, Briefe und Glückwunschkarten an Andreas Waning von der Caritas Witten. Text: WAZ Witten, 9.2.2022

Die Wittener Caritas hat Grundschulkinder aufgefordert, Briefe an Senioren zu schreiben. Sie waren fleißig und haben nun die Antworten erhalten.

Der Startschuss für das Projekt ist bereits vor Weihnachten 2020 gefallen. Die Caritas hatte Wittener Grundschulen dazu aufgerufen, Briefe an alte, kranke oder einsame Menschen zu schreiben. Auch im letzten Jahr haben vier Grundschulen mitgemacht. Sie haben nun die rührenden Antwortbriefe der Senioren erhalten.

Andreas Waning ist überrascht: „Das hätte ich nie gedacht“, sagt der Fachbereichsleiter der Caritas, als er hört, dass sich einige Seniorinnen auch nach über einem Jahr immer noch mit Grundschülern schreiben. Dritt- und Viertklässler haben bei dem Projekt „Das machen wir gemeinsam“ viele Briefe verfasst.

Sie haben zum Beispiel über ihre Weihnachtswünsche und ihre Hobbys geschrieben oder nach den schönsten Weihnachtserlebnissen der Seniorinnen und Senioren gefragt. Auch über das eigene Familienleben und die Haustiere hatten sie viel zu erzählen.

Wittener Kinder berichten von Schildkröten und Kaninchen

So schrieb etwa der neunjährige Till über seine beiden Schildkröten, die im Kühlschrank überwintern müssen. Die gleichaltrige Liva berichtete über ihre Kaninchen Bella und Klopfer. Es blieb nicht beim fleißigen Schreiben: Die Jungen und Mädchen haben ihre Briefe und Umschläge oft kunstvoll verziert.

Kürzlich wurden nun die rund 80 Antwortschreiben an die Schulen gebracht. Darin bedankten sich die Seniorinnen und Senioren für die Weihnachtspost und berichteten aus ihrer eigenen Schulzeit. Auch kleine Geständnisse waren darunter: So verrät die hochbetagte Rosalia, dass sie als Kind den mit Süßigkeiten geschmückten Tannenbaum heimlich plünderte. Die 80-jährige Helen bedauert, dass in ihrem Zimmer im Altenheim kein Platz für einen Weihnachtsbaum sei. Und dass sie den nächsten Besuch ihrer Kinder sowie der Enkelin sehnsüchtig erwarte.

Die Caritas bedankt sich bei allen Kindern, Seniorinnen und Senioren fürs fleißige Schreiben. Unterstützt wurde die Aktion vom Verein Mit-Menschen und von der Wohnungsgenossenschaft Witten-Mitte.

Den Dialog zwischen Jung und Alt fördern

Quelle: WAZ Witten 27.01.2022, Autorin Jutta Bublies

Als Erwin Zepkes Frau starb, suchte sich der Witwer eine erfüllende Aufgabe. Der 78-Jährige fing beim Betreuungsdienst der Caritas in Witten an.

Erwin Zepke hat im vergangenen Juli seine Frau Gertrud verloren. Sie hatte, erst 72 Jahre alt, den Kampf gegen den Krebs verloren. Ihr Mann hat sie in ihren letzten Lebenswochen zuhause gepflegt, unterstützt vom Pflegedienst der Caritas. Nach dem Tod seiner Frau kümmert sich der 78-Jährige jetzt um andere alte Menschen – im Auftrag des Betreuungsdienstes der Caritas.

Der Tod seiner Frau, ihr Leidensweg haben den Rüdinghauser stark belastet. „52 Jahre waren wir verheiratet. Wer schafft das heute noch?“ Seine neue Aufgabe helfe ihm auch, über seine Trauer hinwegzukommen, sagt er. Schließlich könne er nicht den ganzen Tag fernsehen oder lesen. Für den noch rüstigen Mann, der in Berlin aufwuchs, stand fest: „Ich möchte nicht zuhause sitzen und grübeln, sondern mich sozial engagieren.“ Eine Pflegekraft ermunterte ihn, sich doch einmal bei ihrem Arbeitgeber zu melden.

Der Wittener, der selbst schon einen Herzinfarkt erlitt, ist einer, der anderen guttut

Die Caritas, bei der er sich vorstellte, freut sich über den neuen Mitarbeiter, der als geringfügig Beschäftigter jetzt rund 30 Stunden im Monat für den Verband tätig ist, so Caritas-Vorstand Hartmut Claes. Erwin Zepke sagt, die Caritas mache ihm immer einen Plan, zu wem er fahren solle. Auf diesem steht auch eine alte Dame, die in der Boecker-Stiftung lebt. Eine Frau, die mit der Zeit geht. „Sie telefoniert sogar per Skype mit ihrer Tochter, die in Amerika lebt, und sie hat und nutzt auch ein Smartphone.“

Erwin Zepke unterhält sich mit ihr, kann auch gut zuhören. „Sie freut sich, wenn ich zu ihr komme!“ Auch eine Hevenerin ist glücklich, wenn er bei ihr vorbeischaut. Die Seniorin lebt im vierten Stock, kommt alleine nicht mehr aus ihrer Wohnung, weil sie schlecht läuft. Zepke erzählt sie bei einer Tasse Kaffee gerne Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg und spricht mit ihm über ihren verstorbenen Mann. Zepke, der selbst schon einen Herzinfarkt erlitten hat, ist einer, der anderen guttut.

Erwin Zepke ist auch regelmäßig zu Gast in einer Bommeraner Senioren-WG

Der Rüdinghauser leistet auch praktische Hilfe, fährt alte Menschen zur Fußpflege oder zum Arzt, sorgt dafür, dass sie die dortigen Treppenstufen nehmen können oder in den Fahrstuhl kommen. Ein liebevoller Helfer für Leute, die alt sind und noch alleine zuhause leben. Nicht einsam, sondern gemeinsam – so lautet seit vielen Jahren das Motto einer Senioren-Wohngemeinschaft in Bommern. 2009 hat die Wohnungsgenossenschaft Witten-Mitte am Bodenborn diese WG gegründet – damals die erste dieser Art im EN-Kreis.

Die sieben Zimmer der großen Wohnung, früher die Adresse der Pizzeria „Bei Roberto“, waren sofort belegt. Auch dort kümmert sich Erwin Zepke um eine alte Dame. Die sei noch gut zu Fuß, sagt er. Also geht es gemeinsam an die frische Luft. Die Senioren-WG gefällt dem Rüdinghauser. „Die Leute helfen sich dort gegenseitig, alle sind sehr gut drauf.“ Auch einen Dackel gibt es, der einem der Bewohner gehört.

Mit 78 Jah­ren ein Mut­ma­cher

Erwin Zepke ist mit 78 Jah­ren Mit­ar­bei­ter des Be­treu­ungs­diens­tes des Ca­ri­tas­ver­ban­des Wit­ten. Ca­ri­tas-Vor­stand Hart­mut Claes fin­det: „Er kann äl­te­ren Men­schen Mut ma­chen.“Erwin Zep­kes Ge­schich­te zeige, dass man auch mit 78 nicht zum alten Eisen zähle, son­dern noch ge­braucht werde „und einen Bei­trag zum Ge­lin­gen un­se­rer Ge­sell­schaft leis­ten kann“, be­tont Claes.

Caritas im Dialog mit den NRW-Grünen

Foto (vlnr): Hartmut Claes, Rolf Kappel, Verena Schäffer, Christoph Eikenbusch (DiCV Paderborn), Miriam Venn, Michael Raddatz und Andreas Waning

Der Caritasverband Witten hat gleich zu Beginn des Jahres die grüne NRW-Fraktionsvorsitzende Verena Schäffer (MdL) zum Gedankenaustausch eingeladen. Wesentliche Themen waren dabei Armut, Alter, Pflege, Obdachlosigkeit und Migration zu besprechen. Verena Schäffer nutzt diese Gespräche, um von der Lebenswirklichkeit der Menschen zu erfahren und damit möglichst zielgenaue Entscheidungen treffen zu können. Hier ist die Caritas ein wichtiger Partner, der hilft, dass sich Politikerinnen und Politiker nicht weiter von den Bürgern entfernen.

Beim Thema Pflege überrascht nicht, dass der Personalnotstand im Mittelpunkt steht. Obwohl der Verband z.B. bei der Gestaltung der Arbeitszeit sich weitestgehend an den Interessen der Mitarbeitenden orientiert, ist es schwierig bis unmöglich Pflegekräfte einzustellen. Betroffen machen die Schilderungen, wie einsam ältere Menschen durch die CoronaPandemie leben. Damit die Sozialstation nicht der einzige Kontakt bleibt engagiert sich der Verband stark im Quartiersmanagement. Armut hat neue Dimensionen erhalten: Auftragsmangel bei Soloselbstständigen, erhebliche finanzielle Einbußen durch Kurzarbeit und Finanzausfälle bei geringfügig Beschäftigen sind ursächlich für Ver- und Überschuldungen. Hohe Mieten, Steigerungen bei Strom und Heizung und die Erhöhung der Lebensmittelpreise sind für immer mehr Menschen armutsgefährdend.

Gift für Ratsuchenden ist zudem die fehlende und damit unzuverlässige Erreichbarkeit der Behörden, lange Bearbeitungszeiten und die Korrespondenz über Call-Center. Nachvollziehbar ist, dass Mitarbeitende der Behörden sich schützen wollen und müssen. Mittels Digitalisierung sollte es heute aber kein Problem mehr sein, Antragsverfahren und Kommunikation außerhalb des Amtsbüros zu bearbeiten bzw. realisieren. Die Caritas hat kurzfristig die Beratung durch Videosprechstunden und Online-Beratungsportale wieder hergestellt. Gerade Menschen mit Handicaps brauchen vertraute Ansprechpartner und soweit es geht den persönlichen Kontakt.

Gerade im Bereich der Migration und Wohnungslosenhilfe wird deutlich, welche massiven Folgen die Quarantäne für Menschen hat. Rückschritte beim Spracherwerb oder fehlender Schutz durch geeigneten Wohnraum sind hier nur beispielhaft zu nennen.

Verena Schäffer ist beeindruckt von der Situationsbeschreibung der Sozialexperten/innen. Sie ermuntert die Caritas ihre Anwaltschaft gegenüber benachteiligten bzw. hilfesuchenden Menschen deutlich nachzukommen und sich nicht zu scheuen, Defizite in den Düsseldorfer Landtag zu spiegeln. Für die Caritas ist klar, dass Politik viele Interessen zu vertreten hat. Deshalb sind die Gedankenaustausche mit Politikern sehr wichtig, weil sie dazu beitragen, dass die Interessen von Menschen am Rande unserer Gesellschaft nicht übersehen werden.