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Nachbarschaftshelfer stark gefragt

WAZ Witten, 13.04.22: Hier klemmt die Tür, dort tropft der Wasserhahn, woanders ist der Abfluss verstopft: Treten solche Problemfälle in Wohnungen älterer Menschen auf, sind die Nachbarschaftshelfer der Caritas zur Stelle. Mit Beginn der Pandemie gingen die Einsatzzahlen stark zurück. Doch jetzt zieht die Nachfrage wieder an.

Motto des Projekts in Witten lautet „Senioren helfen Senioren“

Die Nachbarschaftshilfe ist ein Projekt, das vor gut zwölf Jahren unter dem Motto „Senioren helfen Senioren“ durchstartete. „Ein Team von Freiwilligen, die meisten im Rentenalter, kümmert sich um kleinere oder auch mal größere Reparaturen im Haushalt“, sagt Heike Völpert. Sie gehört zur Ehrenamtsagentur „Fokus“ der Caritas, die die Einsätze steuert.

Auch wenn das Angebot trotz Corona weiterbestand, sank die Nachfrage mit Beginn der Pandemie rapide, sagt Völpert. Der Rückgang sei auch verständlich. Denn „gerade die ältere Generation hatte ihre Kontakte stark eingeschränkt.“ Inzwischen melden sich die Senioren aber wieder verstärkt. Ein, zwei oder auch mal drei Aufträge pro Tag: Das entspricht in etwa den Zahlen vor der Pandemie.

Pensionierter Feuerwehrmann sucht neue Aufgabe

Zum Helferkreis gehört Hermann Karschnia. Er hat gerade mal wieder in der Wohnung einer Rentnerin eine Lampe zum Leuchten verholfen. Es genügte, eine neue Birne einzusetzen. Dass er gerne auch für solche kleinen Anfragen gerufen wird, geschehe recht häufig. „Oftmals sind es ältere Frauen, die es vielleicht könnten, aber unsicher sind und sich nicht trauen“, sagt der 63-Jährige. Da der pensionierte Feuerwehrmann handwerkliches Geschick mitbringt, knöpft er sich auf Wunsch gern auch mal ein Regal vor, um es aufzuhängen. Und wenn ein neues Bild an die Wand soll, greift er zu Hammer und Nagel.

Als Hermann Karschnia vor gut vier Jahren in Pension ging, suchte er eine Tätigkeit, die ihm Freude bereitet und mit der er anderen eine Freude machen kann. Meist wird der Wittener gleich schon an der Tür gefragt, ob er einen Kaffee oder lieber Wasser haben möchte. Ein kleines Schwätzchen gehört stets dazu.

Schon Brot oder Brötchen besorgt

Das erlebt auch Friedhelm Lülsdorf immer wieder aufs Neue. „Manchmal bieten uns die Leute auch ein Butterbrot an oder haben Brötchen geholt“, sagt er. So etwas schaffe eine sehr angenehme Atmosphäre. Geld wollen die Helfer für ihren Einsatz nicht haben. Sollte ihnen dann doch der eine oder andere Euro zugesteckt werden, kommt das in die Gemeinschaftskasse.

Von den Einnahmen wird beispielsweise ein Frühstück bezahlt, zu dem sich die Freiwilligen verabreden. Vor der Pandemie gab’s die Treffen monatlich, seit Corona herrscht Pause. Doch ein Neustart steht in Aussicht. Der Austausch untereinander bedeutet den Helfern viel. In lockerer Runde können sie über gewonnene Erfahrungen sprechen und und sich als Heimwerker gegenseitig Tipps geben.

Senior bescheinigt den Helfern fachmännische Arbeit

Klaus Jeromin gehört zu den Senioren, die sich jetzt wieder bei der Freiwilligenagentur „Fokus“ gemeldet haben. In seiner Wohnung haben die Helfer eine Tür neu eingehängt und einen Bettrahmen höher gelegt. Alleine hätte er das nicht geschafft, sagt der 86-Jährige. Den Nachbarschaftshelfern bescheinigt der Wittener fachmännische Arbeit. „Ich bin mehr als zufrieden.“

Kürzlich hatte Friedhelm Lülsdorf einen Klassiker auf seinem Auftragszettel, sollte er doch in der Wohnung einer Rentnerin Gardinen aufhängen. „Manche Leute steigen nur ungern auf eine Leiter“, so der 73-Jährige. Die Vorsicht findet er richtig, denn bekanntlich passieren die meisten Unfalle im eigenen Haus.

Wachsende Zahl an Anfragen zu digitaler Haustechnik

Den Wandel der Haustechnik bekommt auch das Freiwilligenteam zu spüren. Gerade erst stand wieder einmal ein Termin an, um die Zeitschaltuhr einer elektronisch gesteuerten Rollade auf Sommerzeit umzustellen. Beim digitalen TV-Gerät samt Fernbedienung sind manche Senioren auch schon mal überfordert. „Wir nehmen uns Zeit und programmieren beispielsweise die Sendeplätze neu“, sagt Lülsdorf.

Wenn die Anfragen bei der Caritas eingehen, überlegen die Helfer, wer welche Aufgabe übernimmt. Im Prinzip können alle alles. Hier und da gibt es natürlich gewisse Neigungen oder Vorlieben. In allen Fällen gilt aber die Devise, so Hermann Karschnia: „Wir sind keine Konkurrenz zum Handwerk und wollen es auch nicht sein.“

Kon­takt zu dem Frei­wil­li­gen­team

Die Eh­ren­amts­agen­tur Fokus ist unter 02302/421131 zu er­rei­chen, Mail­adres­se: fokus@​caritas-​witten.​de

Fol­gen­de Auf­ga­ben lis­tet die Ca­ri­tas als Trä­ger auf, die die Hel­fer über­neh­men kön­nen: un­dich­te Was­ser­häh­ne ab­dich­ten, klei­ne­re Ver­stop­fun­gen im Ab­fluss be­sei­ti­gen, Heiz­kör­per ent­lüf­ten, Leucht­mit­tel aus­wech­seln, Lam­pen an­brin­gen, Re­ga­le auf­hän­gen, Gar­di­nen­stan­gen an­brin­gen, lose Tisch- oder Stuhl­bei­ne lei­men, den Weih­nachts­baum auf­stel­len.

Diese Ar­bei­ten ge­hö­ren nicht zum An­ge­bot: gärt­ne­ri­schen Tä­tig­kei­ten, Fahr­diens­te, Ma­ler- und Ta­pe­zier­ar­bei­ten, Haus­wirt­schaft, Um­zü­ge, Ent­rüm­pe­lun­gen.

Quelle: WAZ Witten 13.04.2022, Autor: Theodor Körner

Brieffreundschaften gegen Einsamkeit

Die Klassensprecherinnen der 3.und 4.Klassen übergeben gemeinsam mit Marion Tigges-Haar, der Schulleiterin der Hellwegschule, Briefe und Glückwunschkarten an Andreas Waning von der Caritas Witten. Text: WAZ Witten, 9.2.2022

Die Wittener Caritas hat Grundschulkinder aufgefordert, Briefe an Senioren zu schreiben. Sie waren fleißig und haben nun die Antworten erhalten.

Der Startschuss für das Projekt ist bereits vor Weihnachten 2020 gefallen. Die Caritas hatte Wittener Grundschulen dazu aufgerufen, Briefe an alte, kranke oder einsame Menschen zu schreiben. Auch im letzten Jahr haben vier Grundschulen mitgemacht. Sie haben nun die rührenden Antwortbriefe der Senioren erhalten.

Andreas Waning ist überrascht: „Das hätte ich nie gedacht“, sagt der Fachbereichsleiter der Caritas, als er hört, dass sich einige Seniorinnen auch nach über einem Jahr immer noch mit Grundschülern schreiben. Dritt- und Viertklässler haben bei dem Projekt „Das machen wir gemeinsam“ viele Briefe verfasst.

Sie haben zum Beispiel über ihre Weihnachtswünsche und ihre Hobbys geschrieben oder nach den schönsten Weihnachtserlebnissen der Seniorinnen und Senioren gefragt. Auch über das eigene Familienleben und die Haustiere hatten sie viel zu erzählen.

Wittener Kinder berichten von Schildkröten und Kaninchen

So schrieb etwa der neunjährige Till über seine beiden Schildkröten, die im Kühlschrank überwintern müssen. Die gleichaltrige Liva berichtete über ihre Kaninchen Bella und Klopfer. Es blieb nicht beim fleißigen Schreiben: Die Jungen und Mädchen haben ihre Briefe und Umschläge oft kunstvoll verziert.

Kürzlich wurden nun die rund 80 Antwortschreiben an die Schulen gebracht. Darin bedankten sich die Seniorinnen und Senioren für die Weihnachtspost und berichteten aus ihrer eigenen Schulzeit. Auch kleine Geständnisse waren darunter: So verrät die hochbetagte Rosalia, dass sie als Kind den mit Süßigkeiten geschmückten Tannenbaum heimlich plünderte. Die 80-jährige Helen bedauert, dass in ihrem Zimmer im Altenheim kein Platz für einen Weihnachtsbaum sei. Und dass sie den nächsten Besuch ihrer Kinder sowie der Enkelin sehnsüchtig erwarte.

Die Caritas bedankt sich bei allen Kindern, Seniorinnen und Senioren fürs fleißige Schreiben. Unterstützt wurde die Aktion vom Verein Mit-Menschen und von der Wohnungsgenossenschaft Witten-Mitte.

Den Dialog zwischen Jung und Alt fördern

Quelle: WAZ Witten 27.01.2022, Autorin Jutta Bublies

Als Erwin Zepkes Frau starb, suchte sich der Witwer eine erfüllende Aufgabe. Der 78-Jährige fing beim Betreuungsdienst der Caritas in Witten an.

Erwin Zepke hat im vergangenen Juli seine Frau Gertrud verloren. Sie hatte, erst 72 Jahre alt, den Kampf gegen den Krebs verloren. Ihr Mann hat sie in ihren letzten Lebenswochen zuhause gepflegt, unterstützt vom Pflegedienst der Caritas. Nach dem Tod seiner Frau kümmert sich der 78-Jährige jetzt um andere alte Menschen – im Auftrag des Betreuungsdienstes der Caritas.

Der Tod seiner Frau, ihr Leidensweg haben den Rüdinghauser stark belastet. „52 Jahre waren wir verheiratet. Wer schafft das heute noch?“ Seine neue Aufgabe helfe ihm auch, über seine Trauer hinwegzukommen, sagt er. Schließlich könne er nicht den ganzen Tag fernsehen oder lesen. Für den noch rüstigen Mann, der in Berlin aufwuchs, stand fest: „Ich möchte nicht zuhause sitzen und grübeln, sondern mich sozial engagieren.“ Eine Pflegekraft ermunterte ihn, sich doch einmal bei ihrem Arbeitgeber zu melden.

Der Wittener, der selbst schon einen Herzinfarkt erlitt, ist einer, der anderen guttut

Die Caritas, bei der er sich vorstellte, freut sich über den neuen Mitarbeiter, der als geringfügig Beschäftigter jetzt rund 30 Stunden im Monat für den Verband tätig ist, so Caritas-Vorstand Hartmut Claes. Erwin Zepke sagt, die Caritas mache ihm immer einen Plan, zu wem er fahren solle. Auf diesem steht auch eine alte Dame, die in der Boecker-Stiftung lebt. Eine Frau, die mit der Zeit geht. „Sie telefoniert sogar per Skype mit ihrer Tochter, die in Amerika lebt, und sie hat und nutzt auch ein Smartphone.“

Erwin Zepke unterhält sich mit ihr, kann auch gut zuhören. „Sie freut sich, wenn ich zu ihr komme!“ Auch eine Hevenerin ist glücklich, wenn er bei ihr vorbeischaut. Die Seniorin lebt im vierten Stock, kommt alleine nicht mehr aus ihrer Wohnung, weil sie schlecht läuft. Zepke erzählt sie bei einer Tasse Kaffee gerne Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg und spricht mit ihm über ihren verstorbenen Mann. Zepke, der selbst schon einen Herzinfarkt erlitten hat, ist einer, der anderen guttut.

Erwin Zepke ist auch regelmäßig zu Gast in einer Bommeraner Senioren-WG

Der Rüdinghauser leistet auch praktische Hilfe, fährt alte Menschen zur Fußpflege oder zum Arzt, sorgt dafür, dass sie die dortigen Treppenstufen nehmen können oder in den Fahrstuhl kommen. Ein liebevoller Helfer für Leute, die alt sind und noch alleine zuhause leben. Nicht einsam, sondern gemeinsam – so lautet seit vielen Jahren das Motto einer Senioren-Wohngemeinschaft in Bommern. 2009 hat die Wohnungsgenossenschaft Witten-Mitte am Bodenborn diese WG gegründet – damals die erste dieser Art im EN-Kreis.

Die sieben Zimmer der großen Wohnung, früher die Adresse der Pizzeria „Bei Roberto“, waren sofort belegt. Auch dort kümmert sich Erwin Zepke um eine alte Dame. Die sei noch gut zu Fuß, sagt er. Also geht es gemeinsam an die frische Luft. Die Senioren-WG gefällt dem Rüdinghauser. „Die Leute helfen sich dort gegenseitig, alle sind sehr gut drauf.“ Auch einen Dackel gibt es, der einem der Bewohner gehört.

Mit 78 Jah­ren ein Mut­ma­cher

Erwin Zepke ist mit 78 Jah­ren Mit­ar­bei­ter des Be­treu­ungs­diens­tes des Ca­ri­tas­ver­ban­des Wit­ten. Ca­ri­tas-Vor­stand Hart­mut Claes fin­det: „Er kann äl­te­ren Men­schen Mut ma­chen.“Erwin Zep­kes Ge­schich­te zeige, dass man auch mit 78 nicht zum alten Eisen zähle, son­dern noch ge­braucht werde „und einen Bei­trag zum Ge­lin­gen un­se­rer Ge­sell­schaft leis­ten kann“, be­tont Claes.

Caritas im Dialog mit den NRW-Grünen

Foto (vlnr): Hartmut Claes, Rolf Kappel, Verena Schäffer, Christoph Eikenbusch (DiCV Paderborn), Miriam Venn, Michael Raddatz und Andreas Waning

Der Caritasverband Witten hat gleich zu Beginn des Jahres die grüne NRW-Fraktionsvorsitzende Verena Schäffer (MdL) zum Gedankenaustausch eingeladen. Wesentliche Themen waren dabei Armut, Alter, Pflege, Obdachlosigkeit und Migration zu besprechen. Verena Schäffer nutzt diese Gespräche, um von der Lebenswirklichkeit der Menschen zu erfahren und damit möglichst zielgenaue Entscheidungen treffen zu können. Hier ist die Caritas ein wichtiger Partner, der hilft, dass sich Politikerinnen und Politiker nicht weiter von den Bürgern entfernen.

Beim Thema Pflege überrascht nicht, dass der Personalnotstand im Mittelpunkt steht. Obwohl der Verband z.B. bei der Gestaltung der Arbeitszeit sich weitestgehend an den Interessen der Mitarbeitenden orientiert, ist es schwierig bis unmöglich Pflegekräfte einzustellen. Betroffen machen die Schilderungen, wie einsam ältere Menschen durch die CoronaPandemie leben. Damit die Sozialstation nicht der einzige Kontakt bleibt engagiert sich der Verband stark im Quartiersmanagement. Armut hat neue Dimensionen erhalten: Auftragsmangel bei Soloselbstständigen, erhebliche finanzielle Einbußen durch Kurzarbeit und Finanzausfälle bei geringfügig Beschäftigen sind ursächlich für Ver- und Überschuldungen. Hohe Mieten, Steigerungen bei Strom und Heizung und die Erhöhung der Lebensmittelpreise sind für immer mehr Menschen armutsgefährdend.

Gift für Ratsuchenden ist zudem die fehlende und damit unzuverlässige Erreichbarkeit der Behörden, lange Bearbeitungszeiten und die Korrespondenz über Call-Center. Nachvollziehbar ist, dass Mitarbeitende der Behörden sich schützen wollen und müssen. Mittels Digitalisierung sollte es heute aber kein Problem mehr sein, Antragsverfahren und Kommunikation außerhalb des Amtsbüros zu bearbeiten bzw. realisieren. Die Caritas hat kurzfristig die Beratung durch Videosprechstunden und Online-Beratungsportale wieder hergestellt. Gerade Menschen mit Handicaps brauchen vertraute Ansprechpartner und soweit es geht den persönlichen Kontakt.

Gerade im Bereich der Migration und Wohnungslosenhilfe wird deutlich, welche massiven Folgen die Quarantäne für Menschen hat. Rückschritte beim Spracherwerb oder fehlender Schutz durch geeigneten Wohnraum sind hier nur beispielhaft zu nennen.

Verena Schäffer ist beeindruckt von der Situationsbeschreibung der Sozialexperten/innen. Sie ermuntert die Caritas ihre Anwaltschaft gegenüber benachteiligten bzw. hilfesuchenden Menschen deutlich nachzukommen und sich nicht zu scheuen, Defizite in den Düsseldorfer Landtag zu spiegeln. Für die Caritas ist klar, dass Politik viele Interessen zu vertreten hat. Deshalb sind die Gedankenaustausche mit Politikern sehr wichtig, weil sie dazu beitragen, dass die Interessen von Menschen am Rande unserer Gesellschaft nicht übersehen werden.

Ambulante Pflege in Corona-Zeiten

Der ambulante Pflegedienst der Caritas Witten versorgt täglich alte, auch hochbetagte Menschen. Was getan wird, um Corona keine Chance zu geben.

Ein WAZ-Artikel von Jutta Bublies vom 6.1.2022

Andreas Waning, Leiter des ambulanten Pflegedienstes der Wittener Caritas, redet nicht um den heißen Brei: „Wir blicken auf ein kräftezehrendes, belastendes Jahr 2021 zurück. Die Pflegekräfte haben gelitten.“ Worüber der 43-Jährige sich jedoch freut: 99 Prozent seiner knapp 100 Mitarbeiter, darunter 45 aus der Pflege, sind vollständig geimpft. Der Großteil ist auch schon geboostert. Die Caritas setzt in der Pandemie auf die größtmögliche Sicherheit – und ist damit bislang gut gefahren.

Im Januar und Februar des vergangenen Jahres hatten sich mehrere Pflegekräfte infiziert, zeitweise befanden sich zehn Mitarbeiter in Quarantäne. Ein herber Schlag. „Aber das war vor der Impfung“, betont der Diplom-Pflegewissenschaftler. Im März habe das Impfen begonnen. „Ein Lichtblick, seither hatten wir im Team keine Corona-Infektion mehr – toi, toi, toi.“

Bei der Caritas Witten gibt es nur noch eine ungeimpfte ambulante Pflegekraft

„Großartig“ findet der gelernte Krankenpfleger auch die Unterstützung durch die meisten Patienten in der Pandemie. „Um sich gegenseitig bei der Versorgung zu schützen, tragen viele Patienten Masken, lüften vor dem Eintreffen der Pflegekräfte oder verzichteten aufgrund der starken Aerosol-Belastung auf die ersehnte Unterstützung beim Duschen.“ Dafür bedanke man sich ganz herzlich. Seit Oktober letzten Jahres hätten sich Patienten und Pflegekräfte dann noch einmal erneut impfen lassen. „Ein wichtiger Akt, um den Schutz auf einem hohen Niveau zu halten.“ Ab dem 16. März müssen Beschäftigte im Pflege- und Gesundheitswesen nachweisen, dass sie vollständig gegen Corona geimpft sind. Bei der Caritas Witten gibt es nur noch eine ungeimpfte Pflegekraft. Sie hatte bislang Bedenken, wird sich aber im Januar impfen lassen.

Alle Caritas-Pflegekräfte tragen bei der ambulanten Pflege eine FFP2-Maske. Aufgrund der hochansteckenden Omikron-Variante, biete nur sie einen wirksamen Schutz, betont Andreas Waning. Eine medizinische Maske reiche da nicht aus. Seine Pflegekräfte würden ihren Masken außerdem alle zwei Stunden durch neue ersetzen. „Ist die Maske feucht, wird sie sofort ausgetauscht, denn dann nützt sie nichts mehr.“ Alle Mitarbeiter des Caritasverbandes unterziehen sich drei Mal in der Woche einem Schnelltest durch hierfür geschulte Pflegekräfte.

„Es wächst die Sorge, wie wir die nächsten Monate erleben werden“

Dennoch, so gibt der Pflegedienst-Leiter zu, wachse angesichts der andauernden Pandemie, angesichts von Omikron, die Sorge, „wie wir die nächsten Monate erleben werden. Wird es unter den Mitarbeitern trotz 3-fach-Impfungen und umfassender Schutzmaßnahmen zu Infektionen kommen?“

Neben den Auswirkungen der Pandemie bleibe der Fachkräftemangel das zentrale Thema – auch der kommenden Jahre. Waning: „Die Bertelsmann-Stiftung geht von 500.000 fehlenden Vollzeitstellen unter Pflegefachkräften bis 2030 in ganz Deutschland aus.“ Die Wittener Caritas konnte in den vergangenen Monaten noch sechs neue Pflegekräfte einstellen. Attraktiv als Arbeitgeber sei man auch deshalb, weil man es den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern seit Jahren ermögliche, Familie und Beruf zu vereinbaren. Über 75 Prozent der Pflegekräfte seien weiblich und ein Großteil kümmere sich noch um eine Familie, um Kinder. „Da darf es nicht regelmäßig zu Überstunden kommen. Wir nehmen auch Leute, die nur zwei, drei Stunden täglich arbeiten können, auch welche, die nur Spätdienste machen oder nur jede zweite Woche kommen möchten.“

Der 14-tägige Wochenenddienst passe nicht mehr zur heutigen Lebenswelt

Flexibilität sei wichtig, wenn man nicht Pflegekräfte verlieren wolle – auch an Leih- und Zeitarbeitsfirmen, die verlässliche Arbeitszeiten garantierten. Waning: „Es gibt Dinge, die sind so nicht mehr machbar, die sind überholt.“ Hierzu zählten etwa Personalplanungen, die massive Überstunden zur Folge hätten. Auch der in der Pflege weit verbreitete 14-tägige Wochenenddienst passe nicht mehr zur heutigen Lebenswelt. Bei der Caritas arbeiten Pflegemitarbeiter im Schnitt nur an jedem dritten Wochenende. Waning, der auch stellvertretender Chef der Wittener Caritas ist: „Arbeitgeber im Pflegebereich müssen ihre bisherigen Strukturen hinterfragen.“

Fo­to­graf be­glei­te­te Pfle­ge­team der Ca­ri­tas

Der Street­fo­to­graf Ralf Sche­rer hat über meh­re­re Mo­na­te das Pfle­ge­team der Ca­ri­tas Wit­ten be­glei­tet, den Um­gang der Pfle­ge­kräf­te mit den Pa­ti­en­ten mit der Ka­me­ra fest­ge­hal­ten. Ent­stan­den sind Fotos von mensch­li­chen Be­geg­nun­gen, die Herz­lich­keit und Freu­de wi­der­spie­geln.

Die Bil­der von Ralf Sche­rer sind im Ja­nu­ar noch im Wit­te­ner Ar­dey-Ho­tel an der Ar­dey­stra­ße zu sehen, au­ßer­dem auf der Face­book­sei­te des Ca­ri­tas­ver­ban­des Wit­ten. Ralf Sche­rer stellt be­wusst in Ein­rich­tun­gen wie Klin­ken und Hos­pi­zen aus, um Men­schen, die Ab­len­kung be­nö­ti­gen, eine Reise in eine an­de­re Welt zu er­lau­ben.

Koalitionsvertrag kritisch betrachtet

Der Koalitionsvertrag von SPD, FDP und Grünen ist ambitioniert, wagt neue Wege und geht große Themen an, die lange liegen geblieben waren. Zum Thema „Bürgergeld“ äußert sich Klaus Gebhart. Er war mehr als 30 Jahre Mitarbeiter des Bochumer Sozialamtes und berät seit diesem Jahr Sozialhilfeempfänger bei der Wittener Caritas:

Ob die geplante Einführung eines Bürgergeldes tatsächlich eine für Arme eine Verbesserung ihrer prekären Lebenslage darstellt, bleibt nun abzuwarten. 

Eine erste Veränderung mit durchschlagender Wirkung wäre es, wenn den in Armut geratenen Menschen auch tatsächlich ein Betrag zur Verfügung gestellt würde, der ein monatliches Auskommen sichert. Hierbei sind neben der Inflationsrate, ebenso die Entwicklungen im Bereich der Energie-, Miet- und Heizkosten schnell und zeitnah zu berücksichtigen, um auch nur annähernd ein Existenzminimum als gerechtes Abbild der gesellschaftlich- und wirtschaftlichen Potenz zu schaffen. Die Wohlfahrtsverbände sprechen hier seit längerem von einem Betrag von mindestens 600 Euro. Dem zu den Regelleistungen ergangenen Spruch des Bundesverfassungsgerichtes würde mit einem Betrag in genannter Höhe sicherlich entsprochen. Zusätzlich wäre bei einer ernsthaften Modernisierung und Veränderung der Wegfall von Bedarfsprüfungen zu diskutieren.

Um den Zugang zu neugestalteten Leistungen wirklich allen Notleidenden zu ermöglichen, bedarf es zudem dringend einer angstfreien und vereinfachten Antragstellung, die auch während der Sachbearbeitung den antragstellenden Menschen als solchen stets im Blick behält und ihm dadurch eine respektvolle Behandlung und eben auch die Würde garantiert. Es ist nicht zu akzeptieren und sogar kontraproduktiv, an diesem Punkt weiterhin die Klaviatur von Sanktionierungen zu bedienen, da hierbei der Begriff des mündigen Bürgers ad absurdum geführt wird. Als Effekt kann man seit längerem eine zunehmende Entfremdung von staatlichem Handeln wahrnehmen, aber eben keine notwendige Identifizierung mit diesem. Insbesondere verzichten vor allem diejenigen auf die Inanspruchnahme von Leistungen, die über keinerlei Lobby verfügen. Hier sind auch vor allem ältere Frauen mit kleinen und kleinstem Renteneinkommen zu benennen. Allein die Prozedur einer Überprüfung von möglichen Leistungsansprüchen wird gefürchtet!

In diesem Zusammenhang ist selbstverständlich genauso die Situation der MitarbeiterInnen in den Sozial- und Arbeitsverwaltungen zu bewerten und anzupassen. Steigende Fallzahlen erzeugen immer die Notwendigkeit der Anpassung von Personalausstattungen. Hier ist jede Möglichkeit zu ergreifen, steigende Arbeitsbelastungen durch immer kompliziertere Arbeitsabläufe und Auslegung von Rechtsvorschriften nicht in ein Freund – Feind Verhältnis im Sinne der üblichen Klischees zu den Betroffenen/Bürgern münden zu lassen. Gemeint ist also eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Im Ergebnis wäre ein entspannteres und engagierteres Bearbeiten, Aufklären von Sachverhalten, Anwenden von Rechtsvorschriften, verständliches Darstellen von Zusammenhängen und eben auch mehr Akzeptanz und Vertrauen durch die betroffenen Bürger zu erwarten. 

Eine Investition in ein Bürgergeld, welches den Namen verdient, würde sicherlich im zweistelligen Milliardenbereich zu verankern sein. Doch letztendlich würden durch ein auskömmliches Dasein die notwendigen Ressourcen des Einzelnen geweckt und gefördert, die im Schluss zu einer Wiedereingliederung in den allgemeinen Arbeitsmarkt führen können. Nicht zuletzt könnte man sich einer unverhofften Zunahme an Vertrauen in staatliches Handeln erfreuen. Von einer Identifizierung mit diesem ganz zu schweigen.

„Gutes aus zwei Welten“

Der Street-Fotograf Ralf Scherer hat über mehrere Monate das Wittener Caritas-Pflegeteam begleitet und dabei Seniorinnen und Senioren und das Caritas-Personal mit seiner Kamera eingefangen. Der Hattinger begleitete die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in ihrem Alltag in der ambulanten Pflege, bei ihren Besuchen der Menschen zuhause oder lernte die Senioren-WG in Witten-Bommern kennen.

Dass ihm als Fotograf emotionale Einblicke möglich waren, erklärt sich der 52-Jährige mit seinem hauptberuflichen Werdegang. „Ich bringe dafür aus beiden Welten etwas mit“, sagt der Krankenpfleger, der seit 25 Jahren auf der Intensivstation des Wittener Marienhospitals arbeitet. „Es ist ein intensiver Job – mit Freude und Leid gleichermaßen. Ein Job, bei dem man sehr viel mit Menschen zu tun hat.“

Für seine Arbeit wie für seine Art der Fotografie brauche man „sehr viel Einfühlungsvermögen“. Bei seinen fotografischen Hauptthemen „Straße und Menschen“ ist der Hattinger nur mit einem Objektiv unterwegs, das nicht zoomen kann. „Ich muss immer nah an die Menschen heran, mich immer sozusagen in ihre intime Zone begeben“, sagt er. Vor zehn Jahren begann Scherer mit seinen ersten Schritten in Sachen Fotografie. „Und ich habe das Gefühl, dass das, was ich fotografiere, raus muss.“ Für dieses Gefühl ist der 52-Jährige, der in Hattingen und darüber hinaus auch als Mitglied der Band „Feedback“ bekannt ist, „auf den Straßen in ganz Europa unterwegs“. Er fängt Unbekannte in alltäglichen wie besonderen Situationen mit seiner Linse ein und ist begeistert über die „unheimlich schönen Gespräche, die daraus entstanden sind“.

Der Kontakt zur Caritas Witten kam über einen Mitarbeiter des Verbands zustande, mit dem Scherer früher im Marienhospital gearbeitet hatte. Ein Jahr lang war Scherer jeden Monat für etwa ein Dutzend Stunden mit Pflegekräften unterwegs. Für die Ausstellung musste sich der Fotograf zwischen 2000 Bildern entscheiden, die in dieser Zeit gemacht hat. Die aktuelle Ausstellung ist seine mittlerweile 21. – im kommenden Jahr wird sie voraussichtlich vom Ardey-Hotel in den Kunsthof in Schwerte, den „Wuckenhof“, umziehen.

www.ralfscherer.com

Bundestagskandidaten im Caritas-Check

Politiker, die im Wahlkreis 139 für Hattingen, Witten, Herdecke, Sprockhövel, Wetter antreten, stellten sich den Fragen der Caritas Witten und Ennepe-Ruhr zu Pflege und sozialer Teilhabe. Als Impuls wurden erstmals die Fotos des Hattingers Ralf Scherer aus einem Caritas-Projekt gezeigt – er begleitete ein Jahr lang Pflegekräfte.

Eine freudige Begrüßung, ein herzliches Lachen trotz körperlicher Nöte, ein tröstend um die Schultern gelegter Arm, einmal Bücken zum kleinen bellenden Mitbewohner – es sind besondere Momentaufnahmen, die noch bis Ende des Jahres in der Fotoausstellung „Die Zukunft braucht Pflege“ in Witten zu sehen sind. Am Freitag, 27. August, wurde die Schau mit Bildern von Ralf Scherer im Ardey-Hotel, Ardeystraße 11, von Wittens Bürgermeister Lars König eröffnet.

Die Ausstellungseröffnung bildete den Impuls für die anschließende Gesprächsrunde mit Bundestagskandidaten des Wahlkreises 139 (Hattingen, Herdecke, Sprockhövel, Wetter, Witten), zu der die Caritas Witten und Caritas Ennepe-Ruhr eingeladen hatten.

Fragen nach Zielen bei sozialer Teilhabe und Pflege

Der Schwerpunkt der Fragen von Wittens Caritas-Geschäftsführer Hartmut Claes und Dominik Spanke, Direktor der Caritas Ennepe-Ruhr, vor rund hundert Gästen: In welcher Verantwortung sehen sich die Kandidaten für Alte und Pflegebedürftige, Kranke und sozial Benachteiligte? Welche Möglichkeiten sehen die Kandidaten auf politischer Ebene, die Situation für Pflegekräfte und Patienten zu verbessern.

Im Gespräch mit Caritas-Vorstand Hartmut Claes sprach die FDP-Politikerin Anna Neumann, Tochter einer examinierten Pflegekraft, von einem nötigen „Kulturwandel“ beim Blick auf die Pflege und Pflegeberufe, für die von der Politik „ein vernünftiger Rahmen“ geschaffen werden müsse. Es gehe um eine wichtige Aufgabe, um die Würde des Menschen. Eine mögliche Entlastung für Pflegekräfte sieht sie zukünftig in der Robotik, die bei schweren Arbeiten unterstützen könne. Außerdem müssten auch die Pflegewissenschaften als duales Studium angeboten werden.

Jeweils zehn Minuten hatten die Kandidaten, um sich vorzustellen und auf Fragen zur Pflege zu antworten. Für die Grünen-Politikern Ina Gießwein, als Logopädin regelmäßig im Kontakt mit Pflegern und Patienten, zählt zu einer Neuaufstellung des Gesundheitssystems: „Dass wir nicht sagen, Pflege braucht mehr Geld – das wäre nicht genug.“ Für sie gehören die 30-Stunden-Woche und eine neue Berufsordnung ebenso auf die Liste wie eine Lösung dafür, dass studierte Pflegekräfte, „kaum etwas von dem tun dürfen, was sie können, weil wir ein arztzentriertes System haben“.

Bessere Bezahlung und Anerkennung gleicher Qualifikation

Spritzen geben, passende Medikamente auswählen und verabreichen, Caritas-Vorstand Hartmut Claes nennt ein Beispiel einer Pflegehilfskraft mit Zusatzausbildung, die all das mit ihrem Abschluss in Rheinland-Pfalz durfte und konnte. In NRW bekam sie keine Zulassung. Für den CDU-Kandidaten Hartmut Ziebs „kann es einfach nicht sein“, dass das bei gleicher Qualifikation in verschiedenen Bundesländern möglich ist. Außerdem „fuchst“ ihn, dass es einen Markt für Zeitarbeit in Pflege gebe. „Da muss man sich Gedanken machen, ob das zulässig ist. Die Kräfte, die dort arbeiten, fehlen in den Pflegediensten“, sagt der Christdemokrat, der durch seine pflegebedürftige Mutter mit der Pflegethematik zu tun hatte.

Den Satz „Pflege ist ein Beruf für Frauen“ hat Axel Echeverria schon gehört: Für ihn ist er „ein Synonym für schlechte Bezahlung“. Der Sozialdemokrat fordert, dass „mit dieser Arbeit so viel verdient wird, dass ein Hauptverdiener genug Geld bekommt“. Den von seiner Partei geforderten flächendeckenden Tarifvertrag Altenpflege hält er vor allem aus zwei Gründen für wichtig: wegen des „Wildwuchses gerade im privaten Pflegesektor mit mehr als hundert Tarifverträgen“ und einem „fairen Lohn von 18,50 Euro“.

Eric Tiggemann von der Piratenpartei sieht nicht nur eine politische, sondern gesamtgesellschaftliche Aufgabe darin, Respekt und Wertschätzung für den Pflegeberuf zu erreichen. Für ihn gehört auch angesichts des Personalmangels dazu, die Themen Tod und Krankheit zu enttabuisieren. „Corona hat uns geerdet. Wir müssen uns bewusst machen, dass wir alle von Pflege abhängen.“

Soziale Teilhabe durch kostenfrei Bildung

Beim Themenkomplex „Soziale Teilhabe“ waren sich die Bundestagskandidaten einig, dass dazu freier Zugang zu Bildung wesentlich ist. Auf Nachfrage von Caritasdirektor Dominik Spanke nannte Anna Neumann (FDP) die Talentschulen NRW als „gutes Beispiel sozialer Teilhabe“, das nach ihrer Ansicht bundesweit ausgeweitet werden sollte. Die Beitragsfreiheit der ersten zwei Kitajahre sei ein Weg, der weiter beschritten werden müsse. Für Ina Gießwein (Grüne) muss, „wenn kein Kind in Armut leben soll, jeder an Kindergarten und Schule teilhaben, aber auch die weitere Bildung frei sein“. Zum Beispiel auch dann, wenn sich jemand im Beruf weiterbilden wolle. Mehr Lehrkräfte für Inklusion an Schulen und ein Breitbandausbau für eine Verbesserung im Bereich „digitale Schule“ gehören außerdem für sie auf die Liste.

Axel Echeverria (SPD)nannte kostenfreie Bildung ebenfalls als Schlüssel zur Teilhabe – und zwar bis zum Master beziehungsweise Meister – genauso wie eine Kindergrundsicherung als Voraussetzung für Chancengleichheit. Zwölf Euro Mindestlohn sind für Hartmut Ziebs (CDU) „zu wenig“. Wenn Kitas gebührenfrei seien, dann müsse „Frauen aber auch die Möglichkeit gegeben werden, zurück in Arbeit zu kommen“. Für ein Plus an Arbeitsplätzen seien auch in der Region Branchen im Bereich Klimaschutz ausbaufähig. Für Eric Tiggemann von der Piratenpartei sind ein „bedingungsloses Grundeinkommen“ und ein Mindestlohn über 13 Euro unabdingbar.

Fotos: kleines Bild: Claudia Kook (Caritas EN), großes Bild: Barbara Zabka WAZ Witten (28.08.2021)

Die Caritas bittet zu Tisch

Donnerstag, 12 Uhr im Marienviertel. Vor dem Café Credo an der Hauptstraße haben sich kleine Grüppchen gebildet, die auf Einlass warten. Gibt es hier etwas umsonst? Ja, ein Mittagessen. Und Gesellschaft.

Was heute auf der Karte steht, verrät der Duft, der auf den Gehsteig weht: Gemüsesuppe. Und zum Nachtisch Vanillepudding. Neun Menschen dürfen gleichzeitig – unter Corona-Bedingungen – die Speisen im Café Credo zu sich nehmen. Bewirtet werden sie von freiwilligen Helferinnen und Helfern. „Die haben gestern schon angefangen zu kochen“, sagt Rolf Kappel, der bei der Wittener Caritas für die Quartiersentwicklung zuständig ist.

Spenden gehen an das Hospiz und den Kinderschutzbund

Der kostenlose Mittagstisch im Marienviertel findet immer am letzten Donnerstag im Monat statt. „Wenn der Monat noch nicht zuende, aber das Geld alle ist“, erklärt Kappel die Idee. „Wer möchte, kann was ins Schwein werfen.“ Die Spenden werden allerdings nicht in die Lebensmittel gesteckt. Die eine Hälfte geht ans Wittener Hospiz, die andere an den Kinderschutzbund. Beim ersten Mittagstisch im Juni sind 92 Euro zusammengekommen. Am Ende des heutigen Tages werden es sogar 253 Euro sein.

Dass die Caritas das kostenlose Mittagessen ausgerechnet im Marienviertel anbietet, ist kein Zufall. Rolf Kappel verweist auf den Sozialindex der Stadt Witten, der zeigt: Die Bereiche Crengeldanzstraße und Lutherpark gelten als besonders belastet. „Hier leben im gesamtstädtischen Vergleich überdurchschnittlich viele Kinder und Jugendliche mit Zuwanderungshintergrund, wachsen in Bedarfsgemeinschaften auf und befinden sich in Hilfen zur Erziehung“ heißt es in dem im Juni von der Stadt veröffentlichten Dokument.

Verkehr und Lautstärke machen Quartier für wohlhabendere Wittener unattraktiv

Auch alleinerziehende Haushalte sind laut Sozialindex in diesem Stadtgebiet Wittens überdurchschnittlich häufig vertreten, der Anteil an Personen in Bedarfsgemeinschaften ist überproportional hoch und die Arbeitslosigkeit besonders ausgeprägt. Außerdem leben hier vergleichsweise viele Seniorinnen und Senioren in Bedarfsgemeinschaften und erhalten Grundsicherung im Alter.

Mögliche Gründe dafür, dass im Marienviertel viele Menschen mit bescheidenen finanziellen Mitteln leben, sind für Rolf Kappel der Verkehr und die Lautstärke im Quartier. Daher sei das Mietniveau hier niedrig geblieben, so seine Einschätzung. Darum möchte die Caritas hier besonders diejenigen unterstützen, die mangels Geld oder Förderung oft nicht am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Zum Beispiel mit dem Mittagstisch unter dem Motto „Gemeinsam schmeckt es besser“.

Köchin bekommt Lob für ihre Hausmannskost

Köchin Waltraud Meyer hat heute schon viel Lob für ihre Hausmannskost bekommen. „Das war ein schöner Ansturm hier heute“, sagt die 78-Jährige. Beim ersten Mittagstisch im Juni hat sie etwa zwölf Menschen gezählt. „Aber jetzt, ich habe schon nachgerechnet, 30!“ Drei von ihnen sitzen an einem Tisch am Fenster vor bereits leeren Tellern. Nicht nur das Essen hat ihnen geschmeckt. „Wir haben Leute wiedergesehen, die wir ewig nicht gesehen haben“, sagt Rosi.

Draußen auf dem Hof vor dem Hospiz sitzt der Deutsch-Sprachkurs unter Leitung von Rim Alabdallah. „Lecker“ fand Alabdallah die Gemüsesuppe. „Ich habe zwei Teller gegessen.“ Sie und ihre Schülerinnen wollen beim Mittagstisch mit Deutschen in Kontakt kommen und so die Sprache noch besser lernen.

Sprachkurs will arabische Linsensuppe kochen

Zum Beispiel, was es heißt, „etwas Zeit mitzubringen“. Das hatte Alabdallah ihrem Kurs vor dem Mittagstisch empfohlen und dann verständnislose Blicke geerntet. Eine Flasche Wasser etwa könne man mitbringen, aber Zeit? Die Frauen lachen. Beim nächsten Mittagstisch im August wollen sie für alle arabische Linsensuppe kochen.

Es geht aber nicht nur ums Essen an diesem Donnerstag, sondern auch darum, mal wieder herauszukommen und in Kontakt zu treten, erklärt Rolf Kappel. Wer zum Essen vorbeikommen will, „muss nicht arm sein, nicht reich sein, das ist egal“, sagt der Caritas-Mitarbeiter. „Hauptsache, man hat Spaß an der Gemeinschaft.“

Quelle: WAZ Witten vom 2.8.2021, Autorin Gesa Kortekamp

Caritas-Projekt im Marien-Viertel

Neues Caritas-Projekt im Marien-Viertel

Caritas-Jahresthema 2021: „DasMachenWirGemeinsam“

Im Mittelpunkt dieser Gemeinwesenarbeit stehen die Themen Alter, Armut und Gesundheit. Wir fördern Solidarität und Wertschätzung miteinander. Die Teilhabe aller Menschen in unserer Gesellschaft ist uns wichtig. Einsamkeit macht krank.

Wo arbeitet das Projekt?

Das Marien-Viertel liegt in der Wittener Innenstadt. Hier ist die ältere Generation stark vertreten, aber auch viele zugezogene Familien wohnen hier. Die drei Verkehrsachsen Crengeldanz-/Ardeystr., Hauptstr. und Pferdebachstr. sorgen für viel Verkehr, Lärm und Abgase. Der Schwesternpark, die Schrebergartenkolonie Sonnenschein und auch der Lutherpark sind kleine Naherholungsmöglichkeiten.

Wie arbeitet das Projekt?

Wir fördern Verbindungen zwischen den Menschen im Viertel. Wir wollen sie – egal wo sie herkommen – hier beheimaten. Wir fördern das Gemeinsame im Quartier. Dabei schauen wir besonders auf die ältere Generation und diejenigen, die mangels Geld oder Förderung oft nicht teilhaben können. Dafür bieten wir eine qualifizierte Sozialberatung.

Wir nutzen das „Café Credo“ als Treffmöglichkeit und Angebot für alle Interessierten.

Jetzt in Corona-Zeiten nutzen wir die „Geh-Spräche“ um von Bürgerinnen und Bürgern zu erfahren, „wo der Schuh drückt“.

Kontakt: FreiwilligenAgentur Fokus, Hauptstraße 81, Tel. 421131