Ein WAZ-Artikel von Britta Bingmann, WAZ Witten,5.12.2020

Kaum zu glauben, aber wahr: Corona hat auch seine guten Seiten. Kathrin Brommer von der Freiwilligenagentur Fokus in Witten sagt, welche das sind.

Eigentlich sollte am Samstag (5.12.) in Witten gefeiert werden. Denn dann ist wieder Internationaler Tag des Ehrenamts – und für die Freiwilligen Agentur Fokus traditionell das Datum für eine große Veranstaltung. Diesmal wird es keine Begegnungen geben. Dennoch wird Koordinatorin Kathrin Brommer an diesem Samstag kein Trübsal blasen. Im Gegenteil. Im Interview verrät sie, warum.

Frau Brommer, zu feiern haben Sie in diesem Jahr nicht viel, oder? Ehrenamtliche Arbeit war ja kaum möglich.

Kathrin Brommer: Ganz im Gegenteil. Wir haben in der Corona-Zeit einen großen Schritt nach vorne gemacht. Die Krise hat uns ganz viel Neues gebracht, positives Neues. Wir haben zum Beispiel viele neue Helfer dazu bekommen.

Wie ist es denn dazu gekommen? Am Anfang der Pandemie war die Hilfsbereitschaft riesengroß. Das Telefon stand nicht still, wir haben doppelt so viele Helfer vermittelt wie sonst. Tatsächlich hatten wir zum Teil mehr Helfer als Hilfesuchende. Das hat mich vielleicht überrascht! Der Einkaufs-Service für Ältere, die sich wegen Corona nicht auf die Straße getraut haben, hat so problemlos funktioniert, oder auch die Gassi-Gänge. Die Senioren waren so dankbar dafür! Die Helfer aber auch…

Die Helfer waren dankbar? Wie das?

Da war etwa der Mann, der einem Patienten eigentlich nur Sachen ins Krankenhaus bringen sollte – und sich dann mit ihm angefreundet hat. Oder die Frau, die sich so gefreut hat, weil sie sich um zwei alte Leute kümmern darf, die sie an ihre verstorbenen Großeltern erinnern. Da ist etwas Herzliches entstanden – wunderbar.

Waren die vielen Anrufer denn eigentlich Menschen, die bereits in Ihrer Kartei geschlummert haben?

Nein, ganz und gar nicht. Das ist ja das Tolle: Es waren alles neue Leute. Viele davon befanden sich im Homeoffice oder in Kurzarbeit, konnten sich die Zeit also freier einteilen und wollten anderen helfen. Und das, obwohl sie selbst Sorgen hatten.

Berufstätige? Ich hätte gedacht, dass sich eher Rentner im Ehrenamt einsetzen.

Lange war das auch so. Da waren die Älteren aktiv, manchmal über viele Jahre oder Jahrzehnte. Aber seit ein, zwei Jahren sehen wir da einen großen Wandel. Die Menschen binden sich nicht mehr so lange, arbeiten lieber in Projekten mit. Und: Sie werden immer jünger. Wir haben inzwischen viele Studenten und sogar Schüler in der Kartei, die sich für andere einsetzen wollen.

Haben Sie dafür eine Erklärung?

Das Bewusstsein der jungen Generation für gesellschaftliche Prozesse hat sich insgesamt geändert, das sieht man ja auch an den Klima-Demonstrationen. Es kommt vielleicht auch aus Amerika, wo das soziale Engagement einen höheren Stellenwert hat – und es macht sich gut im Lebenslauf.

Dann geht es gar nicht ums Helfen, sondern um die Karriere?

Selbst wenn, wäre das schlimm? Das spielt doch beides zusammen. Und es ist gut, wenn daraus etwas Positives entsteht, wenn sich Einstellungen ändern.

Nochmal zurück zu den positiven Entwicklungen. Welche gab es noch durch Corona?

Auf der einen Seite sind eben in Windeseile die Hilfsstrukturen entstanden, Bürgerinitiativen haben sich gegründet, Nachbarschaftshilfen wurden ins Leben gerufen. Es hat sich in der Krise auf wunderbare Weise gezeigt, dass das Ehrenamt eine wichtige und tragfähige Säule unserer Gesellschaft ist. Das hatten wir ja schon bei der Flüchtlingswelle 2016 erlebt.

Und auf der anderen Seite?

Unsere Arbeitsstrukturen sind trotz der angespannten Situation viel flexibler geworden. Die Organisationen – wir arbeiten ja mit etwa 70 zusammen – sind plötzlich näher zusammengerückt, besser verzahnt. Wofür früher eine Sitzung mit viel Vorlauf nötig war, da reicht heute ein Anruf. Viele neue Ideen wurden entwickelt, es wird sich mehr getraut. Das finde ich super.

Hat die Pandemie für Ihre Arbeit also nur Gutes gebracht?

Nein, das nicht. Vor allem die Ehrenamtlichen, die schon länger tätig sind, haben sehr darunter gelitten, dass sie nicht arbeiten konnten – zum Teil, weil sie selbst zur Risikogruppe gehören, oder weil sie nicht zu den Risikogruppen hindurften. Das bedeutete für viele einen großen Verzicht. Und dann konnten manche Projekte wegen Corona nicht zu Ende geführt werden, das war auch sehr bedauerlich.

Wenn Sie am Samstag ganz allein den Ehrenamtstag feiern, was wird Ihnen dann durch den Kopf gehen? 

Ich werde voller Dankbarkeit an alle Ehrenamtlichen denke, die im vergangenen Jahr geholfen haben. Diese Menschen haben der Gesellschaft und auch mir persönlich in diesen unsicheren Zeiten viel Stärke und Kraft gegeben. Und ich werde mir wünschen, dass wir etwas von dem positiven Schwung dieses Jahres in das nächste hinüberretten können. Das wir so flexibel bleiben, dass die neuen Ideen nachhaltige Strukturen mit sich bringen. Aber ich hoffe auch, dass aus Telefonaten dann wieder Begegnungen werden – vielleicht wieder einmal bei Kaffee und Kuchen. Offene Sprechstunde am Mittwoch INFO
Offene Sprechstunde am Mittwoch
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